[et_pb_section fb_built=“1″ _builder_version=“4.16″ width=“100%“ custom_padding=“||100px||false|false“ global_colors_info=“{}“][et_pb_row _builder_version=“4.16″ width=“70%“ module_alignment=“center“ global_colors_info=“{}“][et_pb_column type=“4_4″ _builder_version=“4.16″ global_colors_info=“{}“][/et_pb_column][/et_pb_row][et_pb_row column_structure=“1_2,1_2″ _builder_version=“4.16″ background_color=“#ffffff“ width=“70%“ module_alignment=“center“ custom_margin=“-30px|auto||auto||“ global_colors_info=“{}“][et_pb_column type=“1_2″ _builder_version=“4.16″ global_colors_info=“{}“][et_pb_image src=“https://xn--frulein-frey-hcb.de/fraeulein-frey/wp-content/uploads/2022/05/Projekt-Wagnis-klein-0109-300×200.jpg“ alt=“Viertel vor 8 auf Balkonien“ title_text=“Projekt-Wagnis-Rossi“ _builder_version=“4.16.0″ hover_enabled=“0″ global_colors_info=“{}“ sticky_enabled=“0″][/et_pb_image][et_pb_image src=“https://xn--frulein-frey-hcb.de/fraeulein-frey/wp-content/uploads/2022/05/Collage-Wagnisportraits-283×300.png“ alt=“Viertel vor 8 auf Balkonien“ title_text=“Collage Wagnisportraits“ _builder_version=“4.16.0″ global_colors_info=“{}“][/et_pb_image][/et_pb_column][et_pb_column type=“1_2″ _builder_version=“4.16″ global_colors_info=“{}“][et_pb_text _builder_version=“4.16.0″ background_enable_color=“off“ width=“70%“ module_alignment=“center“ custom_margin=“||||false|false“ custom_padding=“40px||40px||true|false“ hover_enabled=“0″ global_colors_info=“{}“ sticky_enabled=“0″]

„Was du besitzt, das besitzt dich auch.“

Text: Steffi Böhnke aka Fräulein Frey / Fotos: Mirjam Kilter

Rossi führte sehr lange ein Doppelleben. Tagsüber arbeitete er Vollzeit als Schweißer, abends und an den Wochenenden stand er mit seinem Kontrabass auf der Bühne. Das Instrument begleitet ihn schon seit seiner Jugend. Im Sommer 2020 hatten die beiden ihr 25-jähriges Bühnenjubiläum.

Sein Wagnis fängt dort an, wo es für ihn nicht mehr weiter ging. 2018 steckte er in einer Sackgasse fest, körperlich und mental. Vorausgegangen waren Jahre, in denen er sich jeden Morgen auf die Arbeit quälte, die ihn schon lange nicht mehr erfüllte. „Ich fühlte mich eingesperrt und es gab kein Vorankommen. Immer der gleiche Ort und Ablauf, immer der gleiche Radiosender, immer die gleichen Geschichten von den immer gleichen Leuten. Ich konnte das nicht mehr hören.“ Das sei wie eine Decke gewesen, die einem übers Gesicht gelegt wird und langsam, aber sicher die Luft zum Atmen nimmt.

Rossi hatte Schlafstörungen, fuhr mit Bauchschmerzen zur Firma, übergab sich am Abend beim Gedanken an den nächsten Arbeitstag und weinte stille Tränen, wenn der Wecker morgens klingelte. Was hatte er für eine Wahl? Er musste doch die Miete bezahlen. „Das, was du besitzt, besitzt dich auch“, bringt er sein Dilemma auf den Punkt. Also funktionierte er. Bis zu dem Tag, als er, gerade unter Zeitdruck mitten in einem Arbeitsgang steckend, eine Stimme in seinem Kopf hörte.

Es war ein sehr klarer Gedanke und der lautete „Wir machen das nicht mehr“. Er lehnte sich zurück und fühlte eine unglaubliche Erleichterung in sich aufsteigen. Den Rest des Arbeitstages verbrachte er „tiefenentspannt“, wie er sagt. Er hatte einen Entschluss gefasst.

Eigentlich durchdenkt er tiefgreifende Entscheidungen auf langen Spaziergängen, betrachtet die Situation aus verschiedenen Perspektiven, holt sich zusätzliche Informationen, spricht mit vertrauten Leuten über das, was ihn bewegt. Als er an diesem besagten Tag nach Hause kam, begann er einen Spaziergang, brach ihn aber nach 200 Metern wieder ab und kehrte um, weil ihm klar wurde, dass er nicht darüber nachdenken wollte. Er hatte Angst vor der Angst, die ihn zurück auf den sicheren Pfad leiten wollen würde.

Rossi suchte auch keinen Rat bei Freunden, wollte nicht diskutieren. Es war eine Entscheidung, die nur ihn betraf. Er machte sich keinen Plan über die Zukunft, wollte nur drei Dinge durchziehen. Erstens: den Job kündigen, zweitens: die Wohnung auflösen und drittens: sich von seinem Besitz trennen.

Noch bevor er es sich anders überlegen konnte, übergab er kurz darauf die Kündigungen an seinen Chef und an den Vermieter und begann direkt damit, seine Sachen in der Wohnung zu sortieren. Er machte drei Haufen: „Kategorie 1 – Müll“, „Kategorie 2 – verschenken oder verkaufen“ und „Kategorie 3 – behalten und einlagern“.

In der Firma musste er noch einen harten inneren Kampf bestehen. „Die wollten mich nicht gehen lassen und boten mir plötzlich viel mehr Geld an und sogar zusätzlichen Urlaub, damit ich wieder klarkomme.  Die letzten sechs Jahre lang hatte ich keine einzige Gehaltserhöhung bekommen und alle angefragten Gespräche mit dem Chef wurden abgeblockt.“ Rossi hat die Kündigung nicht zurückgezogen, denn „ich wollte meine Seele nicht verkaufen“, sagt er. Wenn er irgendwann mal vom Sterbebett aus auf sein Leben zurückblickt, dann wolle er nicht bereuen, was er verpasst hat für sich zu tun.

Gerade einmal sechs Wochen lagen zwischen der Entscheidung, den Job und die Wohnung aufzugeben und der Konsequenz dieser Kompromisslosigkeit – Rossi stand mit nichts als einem kleinen Reisekoffer bei Nieselregen in Hamburg auf der Straße und kam das erste Mal wieder so richtig zu sich. „Fuck, was hast du da gemacht!“, schoss es ihm durch den Kopf.

Er kam erstmal bei einer Freundin unter. „Mir wurde bewusst, dass ich ganz schön im Burnout rumtanze“, erzählt Rossi. Es dauerte eine Weile, bis er vom „Gewitter im Gehirn“, wie er es nennt, runterkam. Untergekommen ist er abwechselnd bei Freunden oder im Proberaum. Er fing sich nach und nach und konnte nun seine Kraft und Energie in die Musik stecken. Er stieg als Mitglied in einer gut gebuchten Band ein, hatte ausreichend Aufträge als Gastmusiker und baute sich selbst noch ein neues Bandprojekt auf. Herr Rossi war im Glück – er stand auf Bühnen in ganz Deutschland und fühlte sich in seinem Element. Es lief super. Ende Februar 2020 war in seinem Terminkalender kaum noch Platz, fast das komplette Jahr war mit Shows ausgebucht.

Einen Monat später kamen jedoch die Absagen; Corona legte alles lahm und auf einmal war nichts mehr da. Das war ein harter Schlag.  „Ich hatte alles hingeschmissen, hab das mit dem Burnout hingekriegt und mir mit voller Kraft etwas Neues aufgebaut. Und auf einmal stehst du da mit Null.“, erinnert er sich. „Es gab Tage, da habe ich gesagt, das kann doch nicht sein, wie kann man so ein Scheißemagnet sein. Warum muss Corona genau jetzt kommen?!“Ihm blieb nichts anderes übrig, als von seinen Ersparnissen zu leben, die sich Stück für Stück aufbrauchten. Die Lage war perspektivlos.

Doch dann lernte er über einen gemeinsamen Bekannten seinen jetzigen Mitmusiker kennen, als er auf der Suche nach Leuten war, die Lust auf Straßenmusik haben.

Nach einer Probe vor dem Hamburger Club „Lehmitz“ stellten sich beide das erste Mal auf die Mönckebergstraße und begannen mit weichen Knien zu spielen. „Ich hatte das erste Mal seit 15 Jahren wieder Lampenfieber, volles Programm. Und dann stehst du da auf der Straße, machst Musik und siehst, dass es funktioniert, bei den Leuten ankommt und Spaß bringt.“ Und Geld blieb auch noch hängen.

Die beiden machten weiter und Rossi begann die Gigs mittels Excellisten sehr akribisch auszuwerten. Seine Datensammlung verriet ihm bald, wann die besten Auftrittszeiten und -orte sind und sich der Einsatz finanziell am meisten lohnt. Bei Nieselwetter an einem Montag z.B. brauche man gar nicht erst losgehen, sagt er. Donnerstag, Freitag, Samstag hingegen seien gute Tage, wobei es samstags am besten laufe. „Die idealen Temperaturen liegen zwischen 18 und 22 Grad. Wenn es zu heiß ist, bleiben die Leute auch nicht stehen. Ab 19:30 Uhr ist eine gute Zeit, dann haben die meisten gegessen und sind im Schlendermodus und bleiben auch sitzen.“ Excel sei Dank.

Während des Lockdowns im Herbst 2020 suchte sich Rossi einen vorübergehenden Angestelltenjob und hat direkt vorab angesagt, dass er „nur zu Besuch“ sei. Er kommt dort gut klar und sein neuer Arbeitgeber möchte ihn am liebsten gar nicht mehr gehen lassen. Aber Rossi weiß heute sehr genau, was er möchte und setzt sich mit gesundem Egoismus für seine Sache ein. „Dass ich das überhaupt alles geschafft habe, gibt mir einen so großen Erfahrungsschatz und viel Selbstsicherheit. Ich weiß, dass ich sehr schwierige Situationen meistern kann. “, sagt er mit voller Überzeugung.

Auf die Frage, wie er sich seine ideale Zukunft vorstelle, meint er, dass sich ja von einem auf den anderen Moment alles ändern könne. Aber der Idealfall wäre, sich einen Camper zuzulegen und damit noch freier zu sein. Zusammen mit seinem Mitmusiker könnte er z.B. die spanische Küste entlangtingeln, neue Orte entdecken, Menschen kennenlernen und natürlich Musik machen. Als er das erzählt, lachen seine Augen.

Das Größte für ihn sei es, Menschen zu erreichen und ihnen schöne Momente zu schenken. Er berichtet, dass da manchmal 250 Leute in der Mönckebergstraße stehen und ihnen zuhören, ein bunt gemischter Haufen jeden Alters, Geschlechts und jeder Nationalität. Sie alle sind in diesem Moment durch die Musik miteinander verbunden und er blicke dann oft in strahlende Gesichter. „Einige setzen sich hin und fangen sogar an zu weinen. Und dann stehst du da und denkst, genau dafür mach ich das. Es ist ein Mega-Turbo für die Seele und ist das, was mir Kraft und den Antrieb gibt, das weiterzumachen.“

Mit dem Blick zurück sieht Rossi es heute so, dass er in einem dichten, unüberschaubaren Wald gefangen war. Auch wenn es kurz mal weh tue. In so einer ausweglosen Situation sei es besser erstmal alles niederzubrennen, damit wieder Licht ins Dunkel kommen und etwas Neues entstehen kann. „Ich merke jetzt, das was starkes Neues wächst und ich genügend Sonne bekomme, weil das alte Gestrüpp weg ist.“

[/et_pb_text][/et_pb_column][/et_pb_row][/et_pb_section]

Newsletter Anmeldung

Kontakt anfragen